Mein Kissen aus Usbekistan
Mittwoch, September 23rd, 2009Hallo zusammen, vielen lieben Dank für eure reichhalte Resonanz auf meine neue Büroausstattung. Ich habe mich sehr über eure Meinungen und den Zuspruch gefreut
In diesem Jahr verkündeten die Wohnzeitschriften vermehrt den Trend zu „Multikulti-Möbeln”, zu „Ethno-Style” oder „Interkulturellem Design” (Foto Cocoon von Moroso). Die neue Farbenfreude wird als Überwindung eines allzu glatten „Design-Stils”, als Ausdruck des Bedürfnisses nach Individualität und Unangepasstheit gewertet. Die Welt des Designs scheint sich fremden gestalterischen Tendenzen geöffnet zu haben. Mit ein paar Jahren Verspätung zur Mode ist „Ethno” im Möbeldesign angekommen und bezeugt eine multikulturelle Weltsicht, die fremden Kulturen und Traditionen Respekt zollen will. - Das ist schon viel, wenn man bedenkt, dass „Interkulturelle Kompetenz” vielen Unternehmen lediglich als Faktenwissen über Symbolik oder Farbsemantik gilt, um wirtschaftlichen Erfolg in anderen Kulturkreisen sicher zu stellen.
Ist es aber tatsächlich „Interkulturelles Design”, wenn Hella Jongerius für Ikea folkloristisch anmutende Wandvorhänge entwirft, die von indischen Näherinnen gefertigt werden, die sich sogar auf den Werken verewigen dürfen? Oder eher Imagepflege von Ikea, mit dem der oft kritisierte, weltweit agierende Einrichtungskonzern in einem Akt der Entwicklungshilfe Verantwortung zeigen will?
Und lässt es sich „interkulturell” nennen, wenn Afrikaner die Entwürfe westlicher Stardesigner für Moroso „im afrikanischen Stil” flechten dürfen?
Irgendwie hinterlassen viele Projekte, die zurzeit unter dem Label „interkulturell” behandelt werden, einen schalen Beigeschmack: Allzu häufig lassen sie einen gönnerhaften, unverhohlen kolonialistischen Blick auf die Exotik der Entwicklungs- und Schwellenländer erkennen. Denen glauben die Designmonopolisten wohl mal die Qualitäten ihrer eigenen Geschichte erklären zu müssen. Längst ist das kulturelle Crossover in einem leicht diffusen Gemisch mit Nachhaltigkeit, globalem Denken und sozialer Verantwortung zum Standardthema in den Designzeitschriften geworden. Da reicht es einem Journalisten schon mal, dass ein Produkt in Indien gefertigt wird, damit es als „politisch korrekt” gelten kann. Zwischen „Craft Punk” und „Tribal Style” muss die Begeisterung fürs Traditionelle und Völkerkundliche häufig schlicht als modischer Trend gelten: Ethno-Muster machen sich gut auf dem Sofakissen, gerade wenn es im Sommer auf dem Balkon ein bisschen bunter sein darf. Der Orientteppich ist als kontrastierendes Element im schlichten Interieur wieder gestattet oder als überfärbte Replik auf eine überholte Spießigkeit ins Wohnzimmer zurückgekehrt.
Das Schlagwort „Interkulturelles Design” ist ein Trendbegriff geworden, der häufig ungeachtet tatsächlicher interkultureller Kooperationen, ungeachtet wirklicher Austauschprojekte zwischen Designhochschulen oder verschiedenen Initiativen eingesetzt wird. Er wird oft auch dann bemüht, wenn wir auf Länder außerhalb unseres Design-Dunstkreises blicken und uns wundern, dass dort Design überhaupt stattfindet. Oder wenn sich ein westlicher Designer von einer fremden Kultur inspirieren lässt. Erst aber wenn es gelingt, zu einem selbstverständlichen gestalterischen Miteinander zu kommen, das über neokolonialistischen Habitus und westlichen Missionseifer hinausgeht, besteht die Chance, aus dem Verschmelzen der Kulturen wirklich Neues entstehen zu lassen: eine gestalterische Haltung, die mehr ist als die Applikation eines hübschen exotischen Musters auf eine westlichen Stardesigner-Entwurf. Und mit der wir endlich ein paar mehr indische, chinesische oder afrikanische Gestalter namentlich kennen lernen.
Fergana von Patricia Urquiola für Moroso













